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Referendariatserfahrungen - Lehrer-Ecke

About Referendariatserfahrungen

Previous Entry Referendariatserfahrungen Oct. 12th, 2012 @ 04:21 pm Next Entry
Referendariatserfahrungen

Mein Referendariat war völlig anders. Ich hatte zwar immer das Gefühl, dass ich viel Arbeit habe. Es war auch stressig, eigentlich permanent unter Beobachtung zu stehen mit diesen ganzen Unterrichtsbesuchen und Referaten. Wie sehr mich die Zeit an ein Limit gebracht habe, merkte ich erst, als ich das zweite Staatsexamen hatte, und das alles wegfiel. Vom Gefühl her hatte ich danach, mit einer Schwangerschaftsvertretung Klassenlehrerin im 4. Schuljahr an einer fremden Schule (volle Stelle), wenige Wochen vor den Sommerferien, mehr Arbeit als im Referendariat, aber der ganze Stress war weg.

Vor dem Referendariat hatte ich viele Warnungen gehört, darüber wie schrecklich das ist, wie furchtbar die Unterrichtsbesuche sind und wie gemein die Fachleiter. Wenn es danach gegangen wäre, hätte ich es gleich lassen können. Ich konnte aber das Referendariat in einer sehr stabilen Phase meines Lebens beginnen, nachdem zwei schwierige Situationen in meinem Leben allem nachfolgenden eine gewisse Perspektive gegeben haben. Einmal war da die Krankheit meiner Oma und dann meine eigene verkorkste Beziehung, die mir aber in erster Linie bewiesen hat, dass ich wieder auf die Füße kommen und auf diesen Füßen wunderbar stehen und weitere Schritte gehen kann. Ich ging ins Referendariat nicht mit dem Anspruch, alles perfekt machen zu wollen, und auch nicht, um optimale Noten zu haben. Mein Mantra war "Ich mache es, so gut ich kann, und damit bin ich dann zufrieden." Okay, da war noch ein anderes Mantra: "Wirklich schlimm ist, wenn man keine Möglichkeit mehr hat, sich mitzuteilen [oder andere schwere Krankheit hier einsetzen], aber nicht in der zweiten Arbeit eine schlechte Note zu bekommen [auch das ist austauschbar, aber das war das, was mir passiert ist]."

Das hat sicher mit dazu beigetragen, dass ich aus dem Referendariat kam mit dem Gefühl: Scheiße, war das stressig, aber es war eigentlich auch durchweg zu bewältigen. Aber ich glaube, ich hatte auch ganz viel Glück. Meistens bin ich ja eher rational, aber manchmal habe ich so ein Bauchgefühl, auf dass ich dann auch höre. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Dieses Gefühl hatte ich auch beim ersten Gespräch an meinem Studienseminar. Ich hätte wechseln können, weil wir hier einen Härtefall hatten, aber da hat zwischen mir, der Leitung, den Räumen, den anderen Personen dort einfach irgendwas gestimmt, so dass ich mich dafür entschloss dort mein Referendariat zu machen.

Ich hatte auch Glück mit meinen Fachleiterinnen, aber wir sind ja auch Grundschule. Vielleicht spielt das auch mit rein.

Ich hatte vier grundverschiedene Typen. Im Bereich Pädagogik eine alte Häsin, die uns gegenüber sehr wohlwollend war und auch sehr menschlich. Sie war mal Schulleiterin an meiner derzeitigen Schule und ich sehe sie hin und wieder noch. Das ist für uns beide jedes Mal mit Freude verbunden. Klar, sie hat mich kritisiert, aber so, dass ich es annehmen konnte und auch so, dass durchgängig klar war, dass sie auf hohem Niveau kritisiert. Ich nahm das Feedback dankend an, weil ich die ganzen Unterrichtsbesuche (die übrigens nicht benotet wurden) als den Weg ansah, meinen Unterricht für die Prüfung zu optimieren. Man kann jetzt den Sinn und Zweck davon diskutieren, aber so war es halt. Ich sehe an unserer Referendarin, dass es immer noch so ist, obwohl inzwischen einige Besuche benotet werden.

In Englisch hatte ich eine Dame, die ich anstrengend fand und die mir nicht so gut lag. Aber auch sie war bei den Besuchen sehr in Ordnung vom Fachlichen und vom Menschlichen her gesehen. Ihre Seminare waren ätzend, weil sie nicht vorbereitet war und ich das Gefühl hatte, wir vertrödeln dort wertvolle Zeit mit sinnlosen Gesprächen/Diskussionen. Wir waren auch nicht immer einer Meinung und sie hat mich wissen lassen, dass sie wusste, dass ich jetzt kein großer Fan von ihr bin. Allerdings änderte sich nichts dadurch. Sie hat bei der Notenfindung in der Prüfung für mich gesprochen und mich in der mündlichen Prüfungen geschickt so geführt, dass ich mich von meiner besten Seite zeigen konnte.

In Deutsch dagegen hatte ich so einen kleine, niedliche, die es aber in sich hatte. Unter uns Refis hieß es immer, dass sie sich wohl noch profilieren muss und deshalb mit Mörderansprüchen daher kam und grundsätzlich alles kritisierte. Aber selbst das kam auf eine Art, die nicht meine Persönlichkeit betraf und okay war. Von anderen gibt es da aber andere Aussagen. Nervig war für mich nur, dass sie uns in der Prüfungsphase dann noch massig Zusatzarbeit aufdrückte. Interessanterweise wird darüber berichtet, dass sie seit sie ein Kind hat, eine Persönlichkeitswandlung durchgemacht hat und ihre Sache jetzt richtig gut macht. (Sie hat auch versucht, meine mündliche Prüfung in Englisch runterzupunkten, obwohl das gar nicht ihr Bereich war. DAS nehme ich ihr auch übel. Nicht, dass ich das offiziell wüsste.)

Und wie froh war ich, dass ich in Mathematik keinen Unterricht zeigen musste. Zu meiner Zeit hatten wir das "dritte Fach" nur als Seminarnachmittag alle vier Wochen einmal. Die Fachleiterin war mir suspekt. An den Nachmittagen haben wir sehr davon profitiert, dass sie sich wirklich perfekt in der Mathedidaktik auskennt. Sie kann Materialien auf so vielen verschiedenen Ebenen reflektieren und macht sich Gedanken zu deren Einsatz, alles mit Entwicklungspsychologie unterlegt. Vor einem Besuch vor ihr wäre ich durchgedreht - zumindest beim ersten Mal. Ich bin mir ziemlich sicher, auch das wäre okay gewesen, ich kann es nur nicht einschätzen, weil ich die Erfahrung nicht habe und auch sonst von niemandem weiß, wie sie sich so verhält. Allein ihr Wissen war einschüchternd - und mein Unwissen, weil ich in Mathe nicht so "drin" war, hat das sicher verstärkt.

Mit das schwierigste an meinem Referendariat war mein verschrobener Schulleiter, der mir auch nur gut wollte, aber oft so unbeholfen daherredete, dass ich mich fremdschämen musste. "Ich verstehe sowieso nicht, warum man nicht 'Neger' sagen darf!" Oder - unvergessen - aus meinem Entwicklungsgespräch mit großem Bahnhof (Ausbildungslehrer, Fachleiter, Leitung des Studienseminars) sein Beitrag über meine Arbeit an der Schule: "Sie ist immer pünktlich und sucht keinen Streit." Nur um mal zwei Beispiele zu nennen. Auf sein Konto ging es nämlich, dass das Kollegium in zwei Seiten gespalten war. Sich in einem solchen System neutral zu bewegen ist schwierig.


Ich glaube, ich hatte einfach sehr viel Glück.
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From:lagota
Date:October 12th, 2012 06:00 pm (UTC)
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danke für deinen interessanten bericht! (übrigens habe ich auch etliche dokumentationen, deren link du hier gepostet hast, gerne angesehen, sehr interessant und informativ!)
man hört tatsächlich fast ausschließlich negatives über das ref, darum tut es gut, mal etwas nicht ganz so schlimmes darüber zu lesen, vor allem, wenn man sich noch vor der ref-zeit befindet (wie in meinem fall ;)). mit sicherheit hat das auch mit glück zu tun, aber trotzdem verliere ich den glauben nicht daran, dass man selbst auch sehr viel dazu beitragen kann, um das ref zu überleben.

hast du es denn auch erlebt, dass du gelobt und bestärkt wurdest? das finde ich sehr wichtig.

bei mir geht es übrigens um sonderschullehramt, ich komme voraussichtlich im februar 2014 ins ref.
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From:ninniach
Date:October 13th, 2012 02:51 pm (UTC)
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Ja, das klingt vielleicht abgedroschen, aber ich glaube, es hilft auch, wenn die Arbeit nicht das einzige im Leben ist.

Ich wurde immer wieder gelobt und bestärkt - auch von den Fachleitern, selbst von der in Deutsch. Klar, kein Besuch verlief ohne Kritik, aber das hätte ich auch nicht gewollt und die Form Kritik war auch okay.

Irgendwie verliere ich die Community immer wieder aus dem Blick und habe das Gefühl, dass hier viel zu wenig los ist.

Ich drücke dir die Daumen, dass alles so läuft, wie du es dir vorstellst.
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From:try_to_fly
Date:October 14th, 2012 09:52 am (UTC)
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meine erfahrung in sehr, sehr kurz, weil eile:
unterstützung ist das a und o. nette kollegen, die auch abends spät mal noch über nen u-entwurf drüberlesen. die einem nen kaffee für den fachleiter oder prüfer holen. die die wut oder die angst oder den ärger ein stück auffangen, die sich anstauen.
und sowas.

ich möchte die zeit meines refs nicht missen, weil ich viel gelernt habe - vor allem, wie schwierig hierarchien sein können, wie sehr man ausgenutzt werden kann, wenn man das schwächste glied der kette ist, wie man sich durchsetzt, ohne dem anderen das gefühl zu vermiitteln, er hätte nicht immer recht. ich hatte tolle momente im ref und tolle kollegen, und ich bin dennoch sehr, sehr froh, dass es vorbei ist.
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From:frau_nordwind
Date:October 14th, 2012 05:21 pm (UTC)
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Danke für deinen Bericht und die Links!

Ich befinde mich grade im zweiten Jahr und hab mit den anfallenden Aufgaben als Klassenleitung zu kämpfen.
Ich empfinde das Ref durchaus als sehr stressig, insbesondere das Seminar.
Aber "schlimm" empfinde ich es nicht. Nur sehr, sehr fordernd, grade jetzt zu Beginn eben des zweiten Jahrs (von 8 auf 16 Std. eigenverantwortlich + Klassenleitung, plus noch immer 2 Seminartage) und auch der Einstieg ins erste Jahr war anstrengend. Es gibt in meinen Augen einfach unterschiedliche Phasen, je nachdem was grade so ansteht.

Aber einmal hab ich eben auch Glück gehabt mit meinem Kollegium und dann muss man einfach sagen, dass man lernen muss, effektiv zu arbeiten (war am Anfang die Hölle), auch mal "fünfe grade sein" zu lassen und die Noten nicht zu ernst zu nehmen. Das ist nicht immer leicht, wenn es auf die Lehrproben zu geht, aber na ja.
Ich finde, man lernt im Ref besonders viel über sich selbst und es ist jede Menge "Persönlichkeitsbildung" gratis dabei.

Am schwierigsten find ich im Ref die ständige Bewertungssituation, die man ständig im Kopf hat. Aber auch das ist eher "Persönlichkeitssache". Sicher - ich empfinde viele Strukturen im Ref als ungünstig und nicht förderlich.
Die Art der Bewertung, den Aufbau und besonders die Intransparenz der Bewertung (keine direkte aber eben doch vorhandene Bewertung der Unterrichtsbesuche, nicht wissen "wie" man steht) usw., aber das ist ja auch von Bundesland zu Bundesland und dann noch von Schulart zu Schulart verschieden
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From:vanita
Date:October 16th, 2012 08:48 am (UTC)
(Link)
So eine Perspektive ist sicher hilfreich. Mein Referendariat war sicher auch keins der wirklich schlimmen; allerdings waren wir Referendare uns recht einig, dass das "Brechen der Persönlichkeit" zum System gehört: man soll wohl deutlich sehen, was man alles falsch macht und nicht kann, um dann möglichst genau nach der Vorstellung der Seminarleitung neu aufgebaut zu werden.
Was da in dem verlinkten Text beschrieben wird, kann ich zum Teil sehr gut nachvollziehen: immer schön auf die Schwachstellen abzielen und das Lob auslassen. Ich hatte zum Glück eine Fachleiterin, die es anders gemacht hat. Aber sonst ... Wenn schon die Ausbildungskoordinatorin dem Fachleiter ins Wort fällt, weil ihr die Positivrunde zu Anfang fehlt (wurde während meiner Zeit abgeschafft), sagt das doch einiges. Einmal hat sie auch sehr deutlich gesagt, dass jetzt gefälligst mal anerkannt werden sollte, dass ich einen Punkt, der bisher immer kritisiert wurde, jetzt prima hinbekommen hatte.
Ich finde, ein System, in dem man solche Anwälte braucht, ist recht kaputt.
Ganz zu schweigen von den undurchsichtigen Noten, besonders in UPP und Kolloquium.
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